»Unbekannter Freund,« fing er jetzt mit dumpfer feierlicher Stimme an, »unbekannter Freund, du frevelst, wenn du die verschiedenen Zweige der Kunst in Rangordnung stellen willst, wie die Vasallen eines stolzen Königs. Und noch größerer Frevel ist es, wenn du nur die Verwegenen achtest, welche taub für das Klirren der Sklavenkette, fühllos für den Druck des Irdischen, sich frei, ja selbst sich Gott wähnen und schaffen und herrschen wollen über Licht und Leben. – Kennst du die Fabel von dem Prometheus, der Schöpfer sein wollte und das Feuer vom Himmel stahl, um seine toten Figuren zu beleben? – Es gelang ihm, lebendig schritten die Gestalten daher, und aus ihren Augen strahlte jenes himmlische Feuer, das in ihrem Innern brannte; aber rettungslos wurde der Frevler, der sich angemaßt, Göttliches zu fahen, verdammt zu ewiger fürchterlicher Qual. Die Brust, die das Göttliche geahnt, in der die Sehnsucht nach dem Überirdischen aufgegangen, zerfleischte der Geier, den die Rache geboren und der sich nun nährte von dem eignen Innern des Vermessenen. Der das Himmlische gewollt, fühlte ewig den irdischen Schmerz.«
[…]
»Haha – Kinderspiel ist kein Frevel! – Kinderspiel ist’s, wie sie’s machen, die Leute, die getrost ihre Pinsel in die Farbentöpfe stecken und eine Leinwand beschmieren, mit der wahrhaftigen Begier, Menschen darzustellen; aber es kommt so heraus, als habe, wie es in jenem Trauerspiele steht, irgendein Handlanger der Natur versucht, Menschen zu bilden, und es sei ihm mißlungen. – Das sind keine frevelige Sünder, das sind nur arme unschuldige Narren! Aber, Herr! – wenn man nach dem Höchsten strebt – nicht Fleischeslust, wie Titian – nein das Höchste der göttlichen Natur, der Prometheusfunken im Menschen – Herr! – es ist eine Klippe – ein schmaler Strich, auf dem man steht – der Abgrund ist offen! – über ihm schwebt der kühne Segler, und ein teuflischer Trug läßt ihn unten – unten das erblicken, was er oben über den Sternen erschauen wollte!«

E. T. A. Hoffmann
Die Jesuiterkirche in G.

Prometheus

Bedecke deinen Himmel Zeus
Mit Wolkendunst!
Und übe Knabengleich
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn.

Und meine Hütte
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenn nichts ärmeres
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern und Gebetshauch
Eure Majestät und darbtet wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Als ich ein Kind war
Nicht wußte wo aus noch ein
Kehrt mein verirrtes Aug
Zur Sonne als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage
Ein Herz wie meins
Sich des bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut
Wer rettete vom Tode mich
Von Sklaverei?
Hast du’s nicht alles selbst vollendet
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben.

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten.
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal
Meine Herrn und deine.

Wähntest du etwa
Ich sollte das Leben hassen
In Wüsten fliehen
Weil nicht alle Knabenmorgen
Blütenträume reiften.

Hier sitz ich forme Menschen
Nach meinem Bilde
Ein Geschlecht das mir gleich sei
Zu leiden weinen
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

Johann Wolfgang Goethe

Aus dem Leben eines Fauns

Landratsamt (= der Prometheusfelsen). Kollegen: Peters; Schönert; (Runge war noch auf Parteiurlaub); Fräulein Krämer, Fräulein Knoop (Tipsen); Otte, männlicher Lehrling; Grimm, weiblicher Lehrling.

Arno Schmidt

Metamorphoseon

Sanctius his animal mentisque capacius altae
deerat adhuc et quod dominari in cetera posset:
natus homo est, sive hunc divino semine fecit
ille opifex rerum, mundi melioris origo,
sive recens tellus seductaque nuper ab alto
aethere cognati retinebat semina caeli.
Quam satus Iapeto mixtam pluvialibus undis
finxit in effigiem moderantum cuncta deorum;
pronaque cum spectent animalia cetera terram,
os homini sublime dedit caelumque videre
iussit et erectos ad sidera tollere vultus.
Sic, modo quae fuerat rudis et sine imagine, tellus
induit ignotas hominum conversa figuras.

Publius Ovidius Naso

Der Fels des Prometheus

»Weh’, Wehe dem Geschlechte das regiert!
Das ist der Bonzen unheilvoll Geschlecht!
Der Eine schimpft den Andern Thor und Heuchler,
Und umgekehrt: und Alle haben Recht!
Fast däucht es mir, der große Zeus that wohl,
In diese Einsamkeit mich zu verbannen,
Weil ich den dummen Menschen Licht gebracht;
Sie haben es und können doch nicht sehn!
So viele Boten wurden ausgesandt,
Den Sterblichen die Wahrheit zu verkünden,
Doch kehrte Keiner unversehrt zurück;
Gesteinigt wurden sie, verhöhnt, gekreuzigt,
Und wenn ich selber unter Euch erschiene,
Es würde mir nichts Besseres geschehn!
Drum bleib’ ich, wo ich bin, denn besser ist’s,
Das Haupt vor eines Gottes Zorn zu beugen,
Als vor dem winzigen Geschlecht der Menschen.
Ein großes Unglück trägt der Mensch mit Stolz,
Doch unerträglich ist das kleine Elend!« –

Friedrich von Bodenstedt